Sonntag, 22. Oktober 2017
Ein grauer regnerischer Herbsttag geht seinem Ende zu. Ich bin heute Morgen ein wenig verkatert aufgewacht. Den Tag habe ich mit Tina und Julian verbracht. Wieder habe ich gespürt, dass ich kein Teil mehr von Tinas Leben bin. Wir kommunizieren kaum noch. Die wenigen Sätze, die wir austauschen, handeln inhaltlich von Julian. Nach fast zwei Jahren in dieser Konstellation sehe ich kaum noch Entwicklung. Wir haben uns, freiwillig oder unfreiwillig, an diesen Zustand gewöhnt. Ich bin nicht mal sicher, ob ich noch etwas für Tina empfinde. Tina hat sich in dieser Zeit verändert, ist noch selbstgerechter geworden als sie es eh schon immer gewesen ist.

Anna hat sich während des Tages ein paarmal gemeldet und mir Whatsapp-Nachrichten zukommen lassen. Es gehe ihr gut, das Wetter sei kalt und stürmisch.

Ich habe beschlossen, ab dem morgigen Tag das Rauchen aufzugeben und nur noch selten Alkohol zu trinken. Stattdessen will ich wieder mehr Sport treiben. Mir fällt auf, dass ich vor allem dann rauche, wenn ich zu Hause gelangweilt bin. Oder mit einem Arbeitskollegen. Und mit Anna. Der Kollege ist gerade im Urlaub, Anna ebenfalls. Also eine gute Zeit aufzuhören. Ich ziehe an einer Benson and Hedges, inhaliere den bitteren Qualm. Eine meiner letzten. Ab morgen wird dies ein Teil meiner Vergangenheit sein.

Ich stocherte hungrig mit meiner Gabel in meinem Salat, als ich inmitten des Grüns etwas Schwarzes Glänzendes erblickte. Von seinem länglichen Körper gingen kleine Beine, Fühler, was auch immer, ab. Ich erstarrte vor Schreck und Ekel, sprang auf. Den Salatbissen, der sich noch in meinem Mund befand, spie ich über den Tisch und auf den Boden. Ich erwartete, mich vor Ekel übergeben zu müssen, doch blieb mir das erspart. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, schnappte ich eine Mülltüte und etwas Küchenrolle und begann, den Tisch und den Boden zu reinigen. Den Salat wollte ich, ohne nochmal das schwarze Etwas begutachtet zu haben, ebenfalls in der Mülltüte entsorgen. Eine Heuschrecke, ein Käfer, im schlimmsten Fall eine Kakerlake, so genau wollte ich es dann gar nicht wissen. Nachdem ich Tisch und Boden gesäubert hatte, beschloss ich schließlich doch, das schwarze Insekt nochmals zu sichten. Da lag es, so wie ich es zurückgelassen hatte. Schwarz, vom Öl, das ich kurz zuvor noch über den Salat gegossen hatte, glänzend. Ich erkannte den Hinterleib. Die Beine waren an den Rumpf herangezogen. Doch ich konnte keinen Kopf erblicken. Dort, wo ich den Kopf erwartet habe, entdeckte ich nur einen schwarzen Zylinder. Wie das Ende eines Astes. Eines Astes? Ich sah nochmal genauer hin. Das war gar kein Insekt. Es handelte sich tatsächlich um einen kleinen Ast, oder vielmehr um ein Stück einer Wurzel. Das, was ich als Beine interpretiert hatte, waren nur Verästelungen. Ich atmete auf, entfernte das schwarze Etwas mit einem Löffel aus meinem Salat. Auf der Arbeitsplatte meiner Küche konnte ich nun jeden Zweifel ausräumen. Beruhigt aß ich meinem Salat weiter, obgleich mir der Schreck noch in den Gliedern saß.




Samstag, 21. Oktober 2017
Auf dem Weg nach Hause habe ich in einem Supermarkt angehalten, um ein Päckchen Zigaretten zu kaufen. Benson and Hedges gab es nicht mehr, also habe ich irgendeine andere Marke gekauft. American Spirit. Als ich zu Hause bin, zünde ich eine davon an und inhaliere den Rauch, der nach nichts schmeckt. Ich drücke die Zigarette vorzeitig auf dem Boden aus. Das Päckchen wird seinen Tod im Mülleimer finden. Stattdessen schenke ich mir ein Glas Ouzo ein. Ich trinke zu viel, rauche zu viel. Mein derzeitiges Leben scheint mir nicht gut zu tun. Das Gläschen mit dem Liquid-Ecstasy steht immer noch unberührt auf dem Schreibtisch.

Der Vortrag ist gut gelaufen. Am Ende habe ich kaum noch Nervosität verspürt und ich konnte souverän vortragen.

Anna ist mit ihrer Freundin ein paar Tage weggefahren. Gestern habe ich ihr noch einen kurzfristigen Besuch abgestattet. Wir haben geraucht, geredet, Sex gehabt. Dann hat sie mir mein Geburtstagsgeschenk überreicht. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

Das Schießen mit dem Luftgewehr gefällt mir immer besser. Ich habe einen alten Lautsprecher als Zielscheibe umgestaltet und wenn ich Zeit habe, durchsiebe ich seine Membran. Ich werde immer besser, die Kimme ist aber immer noch nicht optimal eingestellt. Normalerweise schieße ich innerhalb meiner Wohnung oder auf der Terrasse. Ich gefährde damit niemanden, weil meine Terrasse von einem Steinwall umgeben ist. Ich bin nicht sicher, ob das legal ist und habe mich bereits nach Schießständen in meiner Nähe informiert. Obwohl die Diana nur ein Luftgewehr ist, fühlt sie sich wie eine echte Waffe an.

Ich rauche eine zweite der geschmacklose Zigaretten. Und trinke mein zweites Glas Ouzo. Ich spüre seine Wirkung. Es fühlt sich leicht an, euphorisch. Ich denke, ist doch alles gar nicht so schlecht, fühle es, weiss, dass dies nur der Wirkung des Alkohols geschuldet ist. Dieter Bohlen flimmert über den Bildschirm. Ich habe den Ton des Fernsehers ausgestellt. Stattdessen höre ich Stromae mit Alors on danse. Gerade fühlt sich das Leben leicht an.




Freitag, 20. Oktober 2017
Irgendwie Stillstand in meinem Leben. Unterwegs stehengeblieben. Ein bisschen, wie ein Schnellzug von München nach Hamburg, der irgendwo in der Mitte, irgendwo im Nirgendwo gestrandet ist und nicht weiterfährt. Meine Tage verlaufen immer gleich. Trotzdem und gerade deshalb hat dies auch etwas Beruhigendes und Tröstliches. Manchmal stelle ich mir vor, mein Leben verlaufe bis zum Ende so, wie es jetzt gerade ist. Doch da gibt es immer noch dieses Fünkchen Hoffnung, das tief in mir glimmt. Der Glaube daran, dass alles einmal besser wird und ich mich nur im Transit befinde. Doch was soll besser werden? Das Leben, von dem ich glaubte, dass es erstrebenswert sei, hat mich nicht glücklich gemacht. Das Leben ohne Zukunft, die Unendlichkeit der Gegenwart.

Genug philosophiert für heute. Es hat angefangen zu regnen und der goldene Herbst scheint vorüber zu sein. Tina und Julian habe ich gestern erneut nicht gesehen. Es kam auch keine Nachricht, oder sonst irgendein Lebenszeichen.

Ich war seit längerem noch einmal bei Anna. Unser Treffen verlief recht harmonisch, ganz ohne Diskussionen und Streit. Wir hatten guten intensiven, wenn auch kurzen Sex. Die Kürze war sicherlich unserer Begierde, unserer Lust geschuldet. Nach so langer Zeit der Enthaltsamkeit. Danach eine Tasse Kaffee, ein wenig auf der Couch gelümmelt. Nach einer guten Stunde wollte Anna schließlich wieder allein sein. Bis heute Morgen hat sie dann auch nichts mehr von sich hören lassen. Es gehe ihr nicht so gut, sie wüsste nicht genau weshalb.




Donnerstag, 19. Oktober 2017
Anna bleibt verschollen. Meine WhatsApp-Nachrichten bleiben ungelesen. Als ich ihre Nummer wähle, erreiche ich nur den Anrufbeantworter. Bis spät abends bleibt sie unerreichbar. Die Erklärung ihrer Abwesenheit klingt unglaubwürdig. Das Handy habe Probleme gehabt.

Das Treffen mit Tina und Julian war neutral und nüchtern. Keinerlei Annäherung, auch Julian scheint sich abzuwenden, zumindest gestern. Heute Abend seien sie bei den Handwerksbauern eingeladen. Mich fragt Tina nicht, ob ich mitkommen wolle. Wie auch am Geburtstag ihrer Mutter. Sie lebt ihr eigenes Leben, dessen ich kein Teil mehr bin.

Vor mir stehen einige Milliliter Liquid Ecstasy. Ich habe zu viel Respekt, oder eher Angst, es einzunehmen. Vorher ich es habe, egal. Meine derzeitige seelische Verfassung verlangt immer wieder nach chemisch induzierter Entspannung. Eine Zigarette, ein Glas Wein, wie auch immer. Und nun steht diese klare Flüssigkeit vor mir. Verheißungsvoll. Ich traue mich nicht.




Mittwoch, 18. Oktober 2017
Die Überlegung habe ich schon sehr lange angestellt. Nun habe ich dem Gedanken Taten folgen lassen. Ich habe mir ein Luftgewehr gekauft. Irgendwie habe ich Spaß daran gefunden. Diese Symbiose aus höchster Konzentration, Präzision und Muskelspannung, oftmals anstrengend und ja, richtig gut bin ich natürlich nicht. Zumindest fürs SEK tauge ich noch nicht. Zunächst habe ich auf Weinflaschenkorken aus fünf Meter Entfernung geschossen und sogar gelegentlich auch getroffen. Die Kimme ist noch nicht zufriedenstellend eingestellt und ich habe bemerkt, ohne Kugelfangkasten macht es keinen Spaß. Das Gewehr selbst, ein Diana, macht schon ziemlich was her. Zumindest bei mir hat sie Eindruck hinterlassen.

Streit mit Anna, kaum Kontakt. Von Tina und Julian auch nichts gehört.

Mein Vortrag rückt näher und ich muss mich dringend noch einmal darauf vorbereiten. Das Auditorium ist fachlich kompetent und könnte mich in unangenehme Diskussionen verwickeln.




Dienstag, 17. Oktober 2017
Mehr als drei Stunden sind es selten. Mehr sehe ich Tina und Julian durchschnittlich nicht am Tag. Im Sommer bin ich oft noch bis zum späten Abend geblieben. Die Fronten sind verhärtet. Tina bleibt unversöhnlich und spielt dauerhaft die beleidigte Leberwurst. Ich weiß nicht, wie lange ich dieses Spiel noch mitspielen soll.

Anna sagt mal wieder ab. Ihr Ex sei so lange bei ihr geblieben und nun müsse sie noch einen Bericht für ihren Chef schreiben. Ich bin mißtrauisch. Nein, wir haben nichts, wir sind lediglich befreundet, beteuert Anna immer wieder, wenn ich sie auf ihren Ex anspreche. Dreieinhalb Stunden ist er bei ihr gewesen ... Ich lege an diesem Abend das Handy beiseite und ziehe mich zurück.

Nächtlicher Besuch. Ein Feuersalamander sitzt auf meiner Terrasse. Ich bin erstaunt, wie langsam er sich fortbewegt, dachte ich doch immer, dass Salamander sich blitzschnell bewegen.

Meine neuen Bluetooth-Lautsprecher sind geliefert worden. Ich bin zufrieden. Meine mittlerweile fast 20 jahre alte Steroeoanlage geht somit in die ewigen Jagdgründe ein.

Ich hatte letzte Nacht einen Traum. Ich hatte Sex mit einer Kollegin. Diese ist gut 12, 13 Jahre jünger und die Verwirklichung dieses Traums eher unwahrscheinlich. Auch, weil ich quasi ihr Vorgesetzter bin. Trotzdem war es ein schöner Traum.




Montag, 16. Oktober 2017
Ein schöner Herbsttag. Ich war mit Tina und Julian unterwegs, haben die Handwerksbauern getroffen. Die Handwerksbauern sind Freunde von Tina, leben "ganz weit draußen" in einem kleinen Dorf. Er geht mir mit seiner Selbstdarstellung ziemlich auf die Nerven, seine Frau ist aber ganz nett.

Von Anna habe ich nicht viel gehört. Sie sei krank schreibt sie. Ab 21 Uhr Sendepause. Ich schaue Zombieserien und rauche zu viel.




Sonntag, 15. Oktober 2017
Ich schleppe mich durch den Tag. Die Halsschmerzen haben zwar etwas nachgelassen, trotzdem fühle ich mich unwohl und krank. Der Besuch bei Anna, sie hat den Hund bei sich, verläuft relativ harmonisch. Trotzdem kann ich mir ein Leben mit ihr nicht vorstellen. Ein Ende unserer Beziehung wäre aber ebenso schmerzhaft. Spontan fällt mir der Song "With or without you" von U2 ein.

Von Tina habe ich den ganzen Tag nichts gehört. Ansonsten ist der Tag eher ruhig. Ich habe meinem Auto, nach bestimmt einem halben Jahr, mal wieder eine Wäsche gegönnt. Wie belanglos alles so ist. Belanglos, sinnlos, ein Vor-sich-hin-leben.

Zu allem Überfluss bin ich heute morgen geblitzt worden. 72, wo 50 erlaubt. Da Tachometer eher zu viel anzeigen, gehe ich mal von maximal 70 aus. Nochmal 3 km/h Toleranz abgezogen, wäre ich bei 67 km/h, also 17 km/h zu schnell. Macht dann 30 Euro, aber keine Punkte in Flensburg. Ich hoffe, das Ordnungsamt sieht das genauso ...




Samstag, 14. Oktober 2017
Eine schmerzhafte Mandelentzündung hat mich ereilt. Ich kann so gut wie nicht schlucken und fühle mich krank. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt an etwas anderes als an einer banalen Erkältung erkrankt gewesen bin. Ich beginne eine Antibiotika-Therapie und hoffe, dass es bald besser wird.

Tinas Nachbarin lebt mit ihrem dreijährigen Sohn gegenüber von Tina. Wohl alleinerziehend. Ein Blick zu lang oder Einbildung meinerseits? Julian zeigt immer mehr Interesse an mir, wenn ich ihn besuche. Sieht er mich, wenn ich aus dem Auto steige (er erkennt mein Auto zwischenzeitlich), winkt er mir zu.




Freitag, 13. Oktober 2017
Der gestrige Abend mit Anna ließ mich spüren, nein - da ist nicht mehr und ich liebe sie nicht. Selbst das Verlangen nach ihr hat sehr stark nachgelassen, so stark, dass ich beginne, über Sex mit anderen Frauen zu phantasieren, während ich mit ihr schlafe. Leider wieder rückfällig geworden, nachdem ich nun eine Woche lang die Finger von den Klimmstengeln lassen konnte. Gut, auf ein Neues.

Von Tina habe ich den ganzen Tag nichts gehört. Derzeit frisst mich die Arbeit auf und Überstunden sind gerade an der Tagesordnung. Zu Hause geht es dann im Home Office weiter; mein Vortrag steht kurz bevor und ich habe die Präsentation noch bei Weitem nicht zufriedenstellend fertiggestellt. Schaue ich in meinen Kalender, überkommt mich doch eine leise Panik. So viele noch anstehende Termine, die allesamt mit sehr viel Arbeit verbunden sind.

Zum Sport komme ich gerade kaum noch und ein unangenehmer Halsschmerz kündigt eine Erkältung an.




Donnerstag, 12. Oktober 2017
Den Abend mit Tina und Julian verbracht. Fast wie in alten Zeiten. Ich habe mit Julian gespielt, mit ihm zu Abend gegessen und anschließend zu Bett gebracht. Auch wenn ich sicherlich nicht seine erste Bezugsperson bin, habe ich das Gefühl, dass er mich akzeptiert. Es war schön zu sehen, wie er auf mich zugelaufen ist, sein Spiel im Laub unterbrochen hat, um mich zu begrüßen.
Der Dialog mit Tina bleibt neutral, sachlich, sachbezogen. Die Verabschiedung knapp und desinteressiert.

Die Diskussionen mit Anna nehmen kein Ende. Stundenlange fruchtlose WhatsApp-Unterhaltungen, sicherlich durch mich angestoßen.

Ich fühle mich oversexed, overfucked, verspüre gerade nahezu keine Lust und kein Verlangen. Jegliche Phantasien langweilen mich und ich schweife in Gedanken ab. Dieser Zustand hält nun schon gut zehn Tage an, vielleicht sogar länger.




Mittwoch, 11. Oktober 2017
Mein Chef überhäuft mich mit Arbeit. Anfragen und Stellungnahmen von Qualitätssicherungsstellen, Vorträge, dieses und jenes. Vieles davon wäre seine Aufgabe, doch ist mein Chef ein Meister des Delegierens. Was er selbst den ganzen Tag so tut, ist völlig unersichtlich. Er kommt morgens oft zu spät und verlässt mittags als Erster die Firma. Neben seinem regulärem Urlaub gönnt er sich dann zudem noch viele Wochen, in denen er sich für die Industrie prostituiert und folglich nicht in der Firma ist.

Ein nichtssagender Drei-Wörter-Satz von Tina, mehr gab es gestern nicht zu hören. Und auch Anna bleibt im off, obwohl sie einen Tag frei hat.




Montag, 9. Oktober 2017
Tina bezichtigt mich, ihr Handy ausgespäht zu haben. So ein Unfug. Unser Verhältnis befindet sich erneut in einer Eiszeit. Ich beschäftige mich in erster Linie mit unserem Sohn Julian und verlasse frühzeitig Tinas Wohnung.

Anna macht sich rar. Kaum Nachrichten, keine Anrufe. Sie wird es wieder mit ihrer Arbeit erklären. Mein Bedürfnis, sie zu sehen, bzw. Kontakt mit ihr zu halten, hat in den letzten Wochen deutlich nachgelassen. Zwei Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Gewöhnung und Gewohnheit haben Einzug gefunden, ganz leise und unauffällig, und haben mein Begehren nach Anna abkühlen lassen.

Der Alltag hat mich wieder. Erster Arbeitstag. Es gibt nicht viel Neues und der nächste Urlaub ist bereits in Sichtweite. Mehrere Vorträge stehen an und ich müsste diese vorbereiten. Ich bin wenig motiviert.




Sonntag, 8. Oktober 2017
Ich bin heute zu meiner Mutter gefahren. Ich kann mich nicht erinnern, zuletzt bei ihr gewesen zu sein. Es muss Monate her sein. Die Autobahnen sind an diesem sonntäglichen Vormittag leer gewesen. Trotzdem bin ich wegen der vielen kilometerlangen Baustellen nicht schnell vorangekommen. Ich liebe es, schnell zu fahren. Doch heute war ich in den nervenstrapazierenden Tempo-60-Abschnitten wie paralysiert.

Ich hasse es bemitleidet zu werden. Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden und möchte nicht jedesmal aufs Neue darauf angesprochen werden. Meine Mutter überhäuft mich mit gut gemeinten Ratschlägen. Aber gut gemeint ist meist das Gegenteil von gut. Vielleicht trägt es zu ihrer Entlastung ob meiner Situation bei. Ich lasse sie reden, trage wenig bei und höre ihr zu.

Gegen Mittag kommt meine Schwester nebst Familie. Ich habe nicht damit gerechnet, doch freut es mich, sie wiederzusehen. Es gibt Kaffee und Kuchen. Ich tausche mich mit meinem Schwager aus. Wir sprechen über Geldanlagen und Immobilien. Ich erfahre, dass sich mein Cousin nach 30jähriger Ehe von seiner Frau getrennt hat und in einer neuen Beziehung lebt. Die drei Kinder des Paares sind längst erwachsen und studieren irgendwo. Es hat mich erstaunt. Eine Vorzeigefamilie ohne Fehl und Tadel. Wo viel Licht ist, ist oft auch viel Schatten.

Von Anna habe ich den ganzen Tag so gut wie nichts gehört. Sie arbeitet, offenbar hat sie viel zu tun. Meine Whatsapp-Nachrichten bleiben ungelesen.
Auch von Tina, meiner Noch-Ehefrau, mit der mich lediglich noch ein Kind verbindet, habe ich nichts gehört. Seit dem gestrigen Tag schon nicht mehr. Ich arbeite an einem Vortrag, den ich demnächst halten muss, während meine Mutter in der Küche werkelt. Schon steht die nächste Mahlzeit auf dem Tisch, obgleich ich keinen Hunger verspüre.